Mein Weg zurück in den Alltag

Teil 3 von 4. Mit diesem Blog möchte ich Euch, liebe Leserinnen und Leser, einen Einblick in meine Lebensgeschichte geben, und wie ich den Weg zurück ins Arbeitsleben gefunden habe.

Nach der Zeit im Kantonsspital St.Gallen war mein neues „Zuhause“ für die nächsten 10 Monate die Reha-Klinik Zihlschlacht. Mein Alltag war ähnlich wie schon im Kantonsspital vollgepackt mit Terminen: Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Wassertherapie, Massage, Lokomat und vieles mehr. Lokomat ist ein modernes Gerät, mit welchem man das Laufen wieder erlernen kann. Zu Beginn und auch später immer wieder war ich auf den Rollstuhl angewiesen. Und da wir zuhause keinen Lift hatten, habe ich auch die Wochenenden lange Zeit in Zihlschlacht verbracht.


Mein Glück war es dabei, dass ich durch die Privat-Unfallversicherung meines Arbeitgebers ein ganzes Zweibettzimmer für mich alleine hatte. Somit konnte ich mein Zimmer mit hunderten von Fotos von meinen Freunden, Familie und Arbeitskollegen dekorieren und so einrichten wie ich es wollte.

Ich konnte die ersten drei Monate kein Wort mehr sprechen. Der Wunsch mich auszudrücken und meinen Vertrauten von meinen Erlebnissen und Gefühlen zu erzählen, war somit sehr anstrengend. Danach lernte ich langsam wieder, mich mitzuteilen. Wie schwer und anstrengend es auch immer war, ich blieb wie vor dem Unfall eine fröhliche und vitale Person. Natürlich haben mir dabei auch meine Familie und Freunde sehr geholfen.

Ich bekam in meinem „neuen Zuhause“ viel Besuch. Das heisst: so richtig viel Besuch! Mitunter waren es bis zu 10 Leute pro Tag. Meine Betreuerinnen in Zihlschlacht haben nicht schlecht gestaunt. Sie waren es nicht gewohnt, dass jemand so viel Besuch bekommt, aber mit der Zeit haben sie sich daran gewöhnt. Auch am Empfang der Klinik hat das durchstellen von Anrufen an mich zur Routine gehört.

Auch an den Wochenenden war es mir nie langweilig, obwohl keine Therapien auf dem Plan standen. Da ich ja vor allem zu Beginn nicht gut sprechen konnte, waren es vor allem meine Freundinnnen und meine Famlie, die mir aus ihrem Alltag erzählt haben. Aber irgendwann erreicht man einen Punkt, da hat man alles erzählt. Meine Freundin Daniela hatte dann eine geniale Idee, die mein Leben nachhaltig verändern würde.

Jana

Bei jeder kleinen Besserung hatte ich eine Riesenfreude.


Eines Tages kam sie mit Pinseln, Acrylfarben und einer Leinwand in mein Zimmer. Ohne Hemmschwelle packte ich den Pinsel und legte mich ins Zeug. Ich war fasziniert von dieser Kunst und von meiner neuen möglichen Ausdrucksweise. Anfangs war der Aufbau der Bilder sehr einfach. Mit der Zeit entwickelte ich aber immer mehr Ideen und lebte meine Kreativität in vollen Zügen aus. Ich begann die Farben zu mischen, mit dem Spachtel zu verteilen, in Schichten zu malen und integrierte vermehrt auch verschiedene Materialien.

Das Malen ist bis heute für mich sehr wichtig. Über all die Jahre (im Sommer ist es 10 Jahre her) ist für mich das Malen eine Art Insel. Ich kann abschalten, mich treiben lassen, meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Obwohl es sehr selten vorkommt, hilft mir das Malen auch, wenn ich mal traurig bin. Ein Beispiel war an der Fasnacht. Ich war damals noch im Rollstuhl, das war ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Zu dieser Zeit konnte ich nur ganz schwer aufstehen. Nun haben sich 3 Leute mit einem Rollstuhl "verkleidet", aber natürlich wusste fast niemand, dass es bei mir keine Verkleidung war. In ihrer lustigen Stimmung haben sie mich dann immer wieder aufgefordert, ich solle doch aufstehen, aber natürlich konnte ich das nicht. Der Alkohol hat wohl auch seine Wirkung beigetragen. Zum Beispiel nach diesem Abend hat es mir sehr gut getan, zu Malen.


Nach und nach besserten sich meine sprachlichen Fähigkeiten. Nach vier Monaten konnte ich wieder einzelne Wörter sprechen. Um ganze Sätze sprechen zu können, habe ich fast vier Jahre gebraucht. Damit kämpfe ich bis heute noch, die Logopädie hilft mir zwar, aber ich kann leider nicht so schnell lernen, wie es kleine Kinder können. Auch durch meine körperlichen Einschränkungen mit dem rechten Arm und Bein musste ich viel Geduld aufbringen. Mein Oberschenkel wurde insgesamt dreimal operiert, weil er jeweils nicht richtig zusammengewachsen ist. Somit war ich immer wieder auf den Rollstuhl angewiesen und mehrmals in der Reha-Klinik Zihlschlacht stationiert.

Für den Weg zurück in den Alltag war mir immer wichtig, dass ich Fortschritte machen konnte, auch wenn es nur ganz winzig kleine Schritte waren. Bei jeder kleinen Besserung hatte ich eine Riesenfreude.

Auch wenn ich mich immer wohl gefühlt habe, sah ich endlich ein Ende …

...weiter geht es nächsten Freitag am 22.12.2017