Sushiausbildung und Mikrotypografie

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Was haben die 10-jährige Ausbildung zum Sushi-Meister und Mikrotypografie gemeinsam? Etwas reisserisch könnte man sagen, sie sind beide sehr traditionell, aufwändig und hinterher merken nur eingefleischte Kenner den Unterschied. Wo macht sie also noch Sinn, wer wendet sie überhaupt an, und ist sie noch gerechtfertigt?

Als Schriftsetzer, der das Handwerk von Grund auf gelernt hat, war Mikrotypografie heiliger als die Bibel. Das Ausgleichen von Abständen, das Optimieren von Trennungen oder Texten gehörten einfach zum guten Ton. Sie nicht anzuwenden – ein Frevel und Verrat an der Berufsehre. Ganz zu schweigen von der Standpauke, die man vom Meister dann kassierte. Immer wieder begegneten mir aber Fälle von falscher oder unterlassener Mikrotypografie. Mit der Zeit wurde es mehr, und heute macht gefühlt sowieso jeder wie er mag.

Zweimal durfte ich bisher sogar schon erleben, wie die Mikrotypografie bewusst abgeschafft wurde, um die Kosten-/Nutzenrechnung zu optimieren. Natürlich in Absprache mit dem Kunden, der im Leben noch nie von so etwas wie Zeichenausgleichen gehört hatte. Und es hat funktioniert! Die Zeitersparnis war enorm, die knappen Timings konnte wieder eingehalten werden, und die Fehlerquote wurde stark reduziert. Am Schluss waren alle zufrieden – und niemand, wirklich niemand, hat einen Unterschied bemerkt. Ob es mich schmerzt wenn ich mal wieder sehe, dass das kleine g von Gramm direkt an der Zahl hängt? Auf jeden Fall. Oder der Abstand zwischen zwei Einsen nicht ausgeglichen ist? Ganz schlimm. Aber wenn es funktioniert und niemand sich beschwert, ist es dann auch okay? Ein schwieriges Thema, bei dem eingefleischte Traditionalisten wohl schon beim Titellesen die Mistgabel zücken. Oder wie erlebt ihr das im Berufsalltag?